Quelle: Wikipedia · Public Domain
Der Maßstab menschlicher Zivilisation wurde stets von der Informationstechnologie bestimmt.
Gesprochene Sprache: die Geburt des Stammes
Vor 100.000 Jahren entstand die gesprochene Sprache. Primaten pflegten ihre Bindungen durch gegenseitige Fellpflege, doch diese Methode stieß bei etwa 150 Individuen an ihre Grenze. Die Sprache durchbrach diese Schranke. Ein einzelner Mensch konnte gleichzeitig zu mehreren sprechen und Informationen über Personen weitergeben, die man nie persönlich getroffen hatte. Ein einziger Satz – „Der Stamm hinter jenem Berg kommt auf uns zu" – ermöglichte die Zusammenarbeit von Hunderten. Die gesprochene Sprache erschuf den Stamm.
Vor 10.000 Jahren begann der Ackerbau. Als Nahrungsüberschüsse entstanden, begannen die Menschen, sich an einem Ort niederzulassen – aus Lagern wurden Dörfer, aus Dörfern Städte. Doch die Stadt brachte Probleme hervor, die der Stamm nicht kannte. Wie viel Getreide ist noch da? Wer hat seine Steuern bezahlt? Wem gehört dieses Land? Mit gesprochener Sprache allein ließen sich diese Informationen nicht verwalten. Denn Worte vergehen.
Vor 5.000 Jahren ritzte jemand in Mesopotamien keilförmige Zeichen in eine feuchte Tontafel. Um die Anzahl der Getreidesäcke festzuhalten. Das war die Schrift. Die Schrift vollbrachte etwas, wozu das gesprochene Wort nicht fähig war: Sie fixierte Information in der Zeit. Da man sich nun auf Aufzeichnungen statt auf Erinnerungen stützen konnte, wurde Bürokratie möglich, wurden Gesetze möglich, wurden Imperien möglich. Die Schrift erschuf den Staat.
Das Muster der Informationstechnologie
Hier zeigt sich ein Muster.
Die gesprochene Sprache ermöglichte die Echtzeitübertragung von Information. So entstand eine Gesellschaft neuen Maßstabs: der Stamm. Die Schrift ermöglichte die zeitliche Bewahrung von Information. So entstand eine Gesellschaft neuen Maßstabs: der Staat. Eine Revolution der Informationstechnologie erzeugte eine Revolution des gesellschaftlichen Maßstabs.
Wir stehen jetzt an der dritten Schwelle.
Die Grenzen der KI, die in natürlicher Sprache denkt
Die KI hat zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Zeitalter eröffnet, in dem ein nichtmenschliches Wesen Informationen verarbeitet. Doch dieses Wesen denkt in menschlicher Sprache. Es empfängt natürliche Sprache, schlussfolgert in natürlicher Sprache, gibt natürliche Sprache aus. Es denkt jedes Mal von vorn und verwirft das Ergebnis. Es zeichnet nichts auf. Es häuft nichts an.
Das gleicht einer Stadt vor der Erfindung der Schrift.
Zehntausende leben in einer Stadt beisammen, doch sämtliche Informationen existieren nur in den Köpfen der Menschen. Man muss den Getreidevorrat jedes Mal selbst nachzählen, die Steuerzahlung hängt von der Erinnerung eines Zeugen ab, und das Gesetz existiert nur im Wort des Ältesten. Es funktioniert. Aber es lässt sich nicht skalieren. Die Effizienz stößt an ihre Grenze.
Die Mesopotamier lösten dieses Problem mit der Schrift. Sie fixierten das Wort auf Ton. Sie verwandelten Erinnerung in Aufzeichnung.
Auch die KI braucht dasselbe.
Ein System, das die Schlussfolgerungen der KI strukturiert und festhält. Ein System, in dem eine einzige Schlussfolgerung nicht verloren geht, sondern sich ansammelt. Ein System, in dem angesammelte Schlussfolgerungen zum Fundament der nächsten werden. Eine strukturierte Sprache, befreit von der Mehrdeutigkeit der natürlichen Sprache, in der Quelle, Kontext und Konfidenzgrad explizit ausgewiesen sind.
Die Gestaltung der dritten Sprache
Wenn die gesprochene Sprache als natürliches Mittel der Verständigung zwischen Menschen entstand, dann wurde die Schrift bewusst erfunden, um Information zu verwalten. Und jetzt muss eine dritte Sprache bewusst entworfen werden – um das Denken der KI zu verwalten.
Wenn die gesprochene Sprache den Stamm erschuf und die Schrift den Staat, was wird diese dritte Sprache dann erschaffen?
Eine Zivilisation jenes Maßstabs, die noch keinen Namen trägt.